PRESENT
FLEUR DE SEL  Gruppenausstellung, kuratiert von Marie Donike und Johannes Specks, Ausstellung: 06. - 29. Sept. 2019, Kuratorenführung: Sonntag, 15. Sept., 15:00 Uhr, Blumen Boddenberg, Rösrather Strasse 584, 51107 Köln
Jean Christophe Ammann    Lesen   Read

...Vom Künstler erwarten wir, dass er übergreifend das Denken von Gegenwart anschaulich zu praktizieren vermag. Dies bezeichnete ich vorhin als „beispielhaft". Ich glaube nicht, dass der Informationsüberschuss grundsätzlich ein Problem ist. Vielmehr ist es so, dass Wissen und Information – Bereiche ganz verschiedener Natur – in bereits kontextualisierten (integrierten) Erfahrungsmustern gleich „Konserven" abrufbar sind, was das Konstruieren einer Biografie, gemäß dem Samplingverfahren, ermöglicht.

Die Erfahrungen sind, mit anderen Worten, ganz anderer Natur, als jene, welche die Generation der letzten historischen Avantgarde – Ende der 60er Jahre bis in die 70er Jahre hinein – geprägt hat. ...
(Auszug aus einem Brief)

...Every intellectually alert person thinks the present in the sphere assigned, no matter how, to him. As soon as he leaves this sphere, it is difficult for him to practise the thinking of the present. From the artist, we expect him to be capable of comprehensively practising the thinking of present in a way that we can visually understand. I have described this as "exemplary".

I do not believe that the information surplus is a fundamental problem. Rather it is the case that knowledge and information – spheres of quite different kinds – can be retrieved in previously contextualized (integrated) patterns like "canned food", which allows the construction of a biography according to the sampling procedure.
The experiences, in other words, are of a quite different kind than those which marked the generation of the last historical avantgarde – from the late 1960s into the 1970s ...
(Excerpt of a letter)

 

Godart Bakkers    Lesen   Read

Reinhard Doubrawa fragt, in welcher Form wir „unsere Bedeutung" akquirieren, wie diese Bedeutung die Form beeinflusst und wie irrwitzig oder uneindeutig diese Beziehung in der Realität ist. Der Gebrauch von Matrizen und Rastern ist dafür das beste Beispiel. Das Raster ist so unübersehbar, dass das Bild beinahe ausschließlich zum Raster, das Foto zum reinen Schemen wird.
 (Textauszug „Dragoman Doubrawa")

Doubrawa asks in what form do we provide “our meaning”, how does this meaning influence the form (and vice-versa) and how ridiculous (or unclear) is this relation in reality? The use of templates and the blow-up grid are, of course, the best examples of this. The grid is so obvious that the image becomes almost exclusively the grid, the picture (inseparably connected with its meaning) becomes merely a shape (which implicates a separation between image and meaning). (Text excerpt „Dragoman Doubrawa“)

 

Isa Bickmann    Lesen   Read

Man könnte an die Rückenfigur in Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer" (1818) denken, allerdings hat die romantisch-erhabene Natur den modernen Verkehrsstrukturen Platz gemacht: Reinhard Doubrawa stützt sich auf das Gitter einer Autobahnbrücke und blickt dem Verkehr entgegen. Auf der Jacke ist das mit Hilfe einer Schablone aufgebrachte Wort „Receiver" zu lesen. Ein Receiver ist ein Empfänger – ein in der Regel technisches Gerät. Der Künstler zeigt sich in diesem Selbstporträt demnach als jemand, der etwas empfängt. Die Anspielung auf Technik lässt vermuten, dass hier eine Art Spannung zwischen dem Gesendeten und der Aktivierung des Empfangs besteht. (Textauszug „Doubrawa – zwischen Empfangsmodus, Reaktion und Selbstbefragung")

One could think of the rear-view figure in Caspar David Friedrich's "Wanderer Above the Sea of Fog" (1818), but romantic-sublime nature has made way for modern transportation structures: Reinhard Doubrawa leans against the grid of an Autobahn bridge and faces the traffic. The word "Receiver", applied with a stencil, can be read on his jacket. A receiver is usually a technical apparatus. In this self-portrait, the artist thus shows himself as someone who receives something. The allusion to technology suggests that here there is a kind of tension between what is broadcast and the activation of reception.
(Text excerpt „Doubrawa – between reception mode, reaction, and self-questioning")

 

Reinhard Ermen    Lesen   Read

„Reinhard Doubrawa erklärt die Welt", indem er sie in ihre Einzelteile zerlegt und ausgewählte Stücke daraus zu Hauptdarstellern macht. Die Techniken, die für dieses Konzept zur Verfügung stehen, sind vielfältig. Die Fotografie ist ein allgegenwärtiges Verfahren, wobei sich der Verdacht aufdrängt, dass Doubrawas Interesse primär an den Ausschnitten besteht, es geht womöglich um ein Verfahren der Freistellung. Der Konzeptkünstler fotografiert, aber er ist kein Fotograf. Bilder sind nicht gefragt, sondern Zeichen, die (wenn überhaupt) für etwas Absurdes, also für Alltägliches stehen. Wer schaut da schon hin? Das Herausschneiden aus den Totalen ist eine Maßnahme zur Vergegenwärtigung.
(Textauszug „Sehnsucht ist eine sehr gute Sache, vielleicht noch besser als Erfüllung – Die Deplatzierungsstrategien des Reinhard Doubrawa ")

"Reinhard Doubrawa explains the world" by dismembering it and turning selected portions into lead players. The techniques available for this concept are many and varied. Photography is a ubiquitous procedure, although we cannot escape the suspicion that Doubrawa is primarily interested in the cropped details, so perhaps it is a technique of release. The concept artist takes photographs, but he is not a photographer. It is not images that are wanted, but signs, which stand, if they stand for anything, for something absurd, in other words something everyday. Who's looking, after all? Cutting out from the whole is a means of visualization.
(Text excerpt „Yearning is a very fine thing, maybe even better than fulfilment –The displacement strategies of Reinhard Doubrawa")

 

Joachim Geil    Lesen   Read

Die ungeahnte Struktur, die unter der vermeintlichen freigelegt wird, führt beim Betrachter zu einem Erregungszustand des staunenden Erkennens. Und das hat wiederum eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem verlegenen Lachen des Verunsicherten. Man hält das schubweise Ausatmen für die Wirkung von ironischer künstlerischer Praxis: eine Täuschung! Das Komische liegt nicht in der Arbeit, sondern ist im Bewusstsein des Betrachters freigelegt worden. Der gelangt zu der lustvollen Einsicht, dass die sicher geglaubte Deutung des Gesehenen gescheitert ist. Ein Erkenntnisschub führt zu einem Haltungswechsel. Darin liegt die erstaunliche Kraft von Doubrawas Arbeiten.
(Textauszug „Die Kehrseite des Glücks – um die Welt mit Reinhard Doubrawa")

The unimagined structure, revealed beneath the one we think we see, leads the beholder to register a state of arousal caused by amazed realization. And that in turn has a structural similarity with the embarrassed smile of the disconcerted. The phased exhalation is seen as the effect of ironic artistic practice: an illusion! The comical does not lie in the work, but is exposed in the consciousness of the beholder. He has the pleasurable insight that the interpretation of what he sees, an interpretation he believed to be secure, has failed. A surge of recognition leads to a change in attitude. Herein lies the astonishing power of Doubrawa's works.
(Text excerpt „The Reverse Side of Happiness – around the world with Reinhard Doubrawa")

 

Franz van der Grinten    Lesen   Read

Schaut man in den Spiegel, ist man selbst im Bild. Schaut man auf etwas Gerahmtes hinter Glas, ist man auch drin. Auch dann, wenn hinter dem Glas der Blick frei wird auf einen Blick in die Welt: die Welt als Modell hinter Schaufensterscheiben, die Welt als Ort der Sehnsucht beim Blick aus dem Fenster, die Welt in Teilen durch die Linse einer analogen Kamera.
Man betrachtet die Welt immer aus der Perspektive des Einsamen und immer mit Distanz. Bei der Fotografie ist die Distanz im Bezug auf die Nähe zur Wirklichkeit am größten. Man sieht, dass sie da ist, aber sie ist nur ein Bild. Reinhard Doubrawas Fotografien, die die überscharfe Wahrnehmung des Reisenden verraten, bringen all diese Ebenen auf einer zusammen...
(Textauszug „Silberne Bilder")

When looking into a mirror you yourself are in the picture. When looking at something framed behind a pane of glass you are in it too. Even when beyond the glass a view of the world is revealed: the world as a model behind a display window, the world as a place of longing when looking out of the window, the world in sections through the lens of an analogue camera.
The world is always observed from the perspective of loneliness and always with detachment. In photography the detachment is greatest in relation to the closeness to reality. We can see it is there but it is only a picture. Reinhard Doubrawa's photographs reveal the overly keen perception of a traveller and bring all of these levels together...
(Text excerpt „Silver Pictures")

 



Gregor Jansen    Lesen   Read

Alltägliche Einblicke mit ungewohnten Ausblicken ohne Farbe – Nostalgie dank der Mangelhaftigkeit eines Speichermediums? Unsere Idee der Welt ist nur dann haltbar, wenn sie kommunizierbar wird, wenn sie sich an den Vorstellungen der neurologischen Funktionen orientiert und dabei gleichwohl ein Potential von Phantasie offen legt. Wird dies geleistet, stimmt die Rechnung und ein narrativer Prozess setzt ein, in dem die Welt aus der Summe aller Teile ein Abbild ihrer selbst erlaubt. Eine Form von Archiv, von Sammlung entsteht.
(Textauszug „Special Values")

Everyday in-sights with unfamiliar colourless out-sights: nostalgia thanks to the deficient nature of a storage medium? Our idea of the world can only be maintained when it becomes communicable, when it orients itself to the ideas of neurological functions, and at the same time reveals a potential of imagination. If this is achieved everything adds up and a narrative process begins in which the world, as a sum of its parts, allows itself to be depicted. A kind of archive, of collection is created.
(Text excerpt „Special Values")

 

Maria Anna Tappeiner    Lesen   Read

An Reinhard Doubrawas Fotos ist fast alles zufällig – bis auf den Blick des Künstlers. Zufällig im Sinne von zugefallen, begegnet, entdeckt, vorgefunden. Dahinter steht die innere Bereitschaft, etwas zu sehen und mit der Kamera festzuhalten.
Meist ist es der erste Blick, der bei Doubrawa zählt und später auch das bleibende Foto wird. Er benennt sie mit einfachen, beschreibenden Begriffen, ein Prinzip der Zuordnung und Erinnerung, das spontan und intuitiv abläuft. In alphabetischer Reihenfolge entstehen so Nachbarschaften und Dialoge, die sich jedweder gezielten Anordnung, persönlicher Vorlieben und Chronologie entziehen. Das Depot als virtuelle Lagerstätte, aber auch als Fundus, der Reinhard Doubrawa immer wieder als Ideengeber für seine Installationen und Objektarbeiten dient.
(Textauszug „Depot")

Almost everything is chance in Reinhard Doubrawa's photographs – except for the artist's eye. Chance in the sense that is has crossed his path, been discovered, picked up. Behind this stands the inward readiness to see something and capture it with the camera.
Mostly it's the first sight that counts for Doubrawa, and it's this first sight that later becomes the lasting photo.
He gives them simple descriptive titles, a principle of categorization and remembering that runs spontaneously and intuitively. In alphabetical order there appear in this way neighbourhoods and dialogues which defy any specific arrangement, personal preference, or chronology. With each new photograph, parts of the context can change, depending on where in the alphabet it was inserted. The depository as a virtual storehouse, but one that serves Reinhard Doubrawa time and again as a source of ideas for his installations and objects.
(Text excerpt „Depot")